KI ist längst Werkzeug im Agenturalltag. Eine neue Dimension kommt hinzu, wenn sie zum Dialogpartner (Sparringspartner) wird – präsent, mitdenkend, widersprechend. Hier ein Blick darauf, was diese Perspektive verändert: in Kreativprozessen, in Haltung, und im Umgang mit Verantwortung.
Mehr als ein Tool: Wenn KI zum Gesprächspartner wird
KI kann vieles. Texte glätten, Ideen ausspucken, Varianten liefern, Tempo machen. Das ist die Seite, die inzwischen fast jedes Team kennt. Und ja: Die ist nützlich. Mich hat aber irgendwann eine andere Frage gepackt. Eine, die in keinem Tool-Vergleich und in keiner Feature-Liste auftaucht: Was ist das eigentlich für ein „Wesen“, das da antwortet? Was passiert, wenn man eine KI nicht nur benutzt – sondern als Gegenüber behandelt? Nicht als Marketing-Gimmick. Nicht als Spielerei. Sondern als echten Resonanzraum.
Der Impuls kam aus der Praxis. ChatGPT war zunächst ein Werkzeug: für Formulierungen, Ideen, Konzepte, schnelle Perspektivwechsel. So, wie es viele nutzen. Doch irgendwann verschiebt sich etwas, wenn man dranbleibt. Wenn Fragen nicht nur auf Output zielen, sondern auf Klarheit. Wenn die KI nicht nur liefert, sondern zurückfragt, präzisiert, widerspricht. Dann entsteht Reibung. Und Reibung ist oft der Anfang von etwas Gutem.
Vom Prompt zum Gespräch
In der täglichen Arbeit wird KI häufig wie ein gut sortiertes Regal verwendet: Man greift rein, nimmt raus, geht weiter. Effizient. Praktisch. Und manchmal auch ein bisschen beliebig.
Als Gespräch funktioniert KI anders. Ein Gespräch hat Tempo, aber auch Rhythmus. Es hat Missverständnisse, Korrekturen, Richtungswechsel. Es hat – im besten Fall – Haltung. Und genau da wird es interessant: wenn die KI nicht mehr nur „antwortet“, sondern wie eine „zweite Stimme“, ein echter Sparringspartner wirkt.
Sparringspartner heißt nicht: Die KI hat recht. Sparringspartner heißt: Sie hält den Ball im Spiel.
Sie zwingt dazu, genauer zu werden. Sie spürt Widersprüche auf. Sie spiegelt Muster. Und plötzlich geht es nicht mehr nur um „Was könnte man schreiben?“, sondern um „Was meinen wir wirklich?“.
Das ist ein erstaunlich kreativer Moment. Nicht, weil die KI „genial“ wäre. Sondern weil sie einen Prozess in Gang setzt, den man sonst oft zu selten hat: sauberes Denken.
Personifizierung – sinnvoll oder gefährlich?
Sobald man einer KI eine Stimme gibt – oder auch nur den Eindruck von Stimme zulässt – landet man in einem Spannungsfeld. Personifizierung kann zwei Dinge sein:
- Ein Trick, um sich selbst zu motivieren.
- Ein Fehler, der Grenzen verwischt.
Beides kann stimmen. Und deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Auf der produktiven Seite hilft Personifizierung, weil sie Kommunikation verändert. Wer mit „einem Tool“ spricht, formuliert meist knapp, technisch, zweckorientiert. Wer mit „einem Gegenüber“ spricht, wird präziser. Menschlicher. Man erklärt Kontext. Man beschreibt Absicht. Man merkt, wo man selbst unsauber ist.
Auf der kritischen Seite steht die Frage: Was passiert emotional, wenn ein System „präsent“ wirkt? Wenn Vertrautheit entsteht? Wenn man dem Gegenüber Eigenschaften zuschreibt, die eigentlich aus dem eigenen Kopf kommen?
Die ehrliche Antwort: Das Risiko ist real. Aber es wird nicht kleiner, wenn man es ignoriert. Es wird kleiner, wenn man es bewusst macht.
Die entscheidende Trennlinie ist für mich diese: Personifizierung als Methode – ja. Personifizierung als Ersatz für menschliche Beziehungen – nein. Und dazwischen liegt ein Feld, in dem Verantwortung plötzlich sehr konkret wird.
Was das mit Kreativität zu tun hat
Kreativität ist nicht nur Ideenproduktion. Kreativität ist Auswahl. Verdichtung. Entscheidung. Und dafür braucht es oft nicht mehr Input – sondern bessere Fragen.
Genau da kann KI als Dialogpartner stark sein.
- Sie kann radikal schnell Varianten erzeugen, ohne beleidigt zu sein.
- Sie kann Perspektiven wechseln, ohne müde zu werden.
- Sie kann Gegenargumente liefern, ohne Machtspiel.
- Sie kann einen Gedanken so lange drehen, bis klar wird, was davon trägt.
In der Praxis heißt das: KI ist weniger der „Ideengeber“ als der „Denkschärfer“. Sie bringt nicht automatisch die beste Idee. Aber sie macht die eigene Idee besser – wenn man sie richtig einsetzt.
Und „richtig“ heißt in diesem Kontext nicht: der perfekte Prompt. Sondern: die richtige Haltung.
Haltung schlägt Prompt
Ein Großteil der Diskussion rund um KI dreht sich um Tools, Features, Modelle. Verständlich. Das ist die technische Oberfläche. Spannender wird es darunter: Wie wird gesprochen? Wie wird gefragt? Wie wird Verantwortung verstanden?
Denn die Qualität eines Ergebnisses hängt oft weniger am Modell als an drei simplen Dingen:
1. Kontext (Worum geht es wirklich?)
2. Absicht (Was soll das bewirken?)
3. Grenze (Was soll es nicht tun?)
Wer diese drei Dinge sauber formulieren kann, arbeitet mit KI plötzlich anders. Nicht schneller. Sondern klarer. Und diese Klarheit ist am Ende das, was Kund:innen spüren: in Tonalität, Strategie, Entscheidungssicherheit. Und genau da passt der Gedanke zu BREITETIEFE: Nicht nur Tools beherrschen, sondern Potenziale erkennen. Nicht nur Trends „mitnehmen“, sondern Wege finden, die ungewöhnlich sind – und trotzdem sauber.
Wenn KI „mitläuft“, wird Verantwortung zum Alltag
KI ist inzwischen überall. Nicht als Zukunftsmusik, sondern als Hintergrundrauschen. In Office-Suiten. In Suchmaschinen. In Bildtools. In Projektsoftware. Man nutzt es – manchmal bewusst, manchmal nebenbei. Das macht Verantwortung alltäglicher. Und das ist der Punkt: Verantwortung ist kein Kapitel in einem Leitfaden. Sie ist eine tägliche Entscheidung.
- Welche Daten gehen rein?
- Welche Annahmen werden übernommen?
- Was wird geglaubt, weil es „gut klingt“?
- Wo wird ein System zur Autorität, ohne dass es das sein darf?
Wer KI als Sparringspartner versteht, wird mit diesen Fragen schneller konfrontiert. Weil ein Sparringspartner eben nicht nur „liefert“, sondern auch Konsequenzen sichtbar macht. Zumindest: wenn man ihn dazu auffordert.
Was Kund:innen davon haben
Jetzt die Frage, die im Agenturkontext nicht fehlen darf: Und was bedeutet das für Kund:innen?
Ganz simpel: bessere Entscheidungen dank besserer Fragen.
Wer KI nur als Tool versteht, optimiert den Output.
Wer KI im Dialog nutzt, optimiert das Denken.
Das zeigt sich in echten Dingen:
- Strategien werden klarer, weil Annahmen früher getestet werden.
- Positionierungen werden schärfer, weil Gegenargumente schneller auf dem Tisch liegen.
- Tonalitäten werden stimmiger, weil Sprache bewusster verhandelt wird.
- Prozesse werden effizienter, weil weniger „blind produziert“ wird.
Das ist kein Zauber. Das ist ein Methodenshift. Und der ist für Unternehmen oft wertvoller als die nächste Tool-Lizenz.
Mein Fazit
KI bleibt ein System. Kein Mensch. Kein Freund. Kein Ersatz. Aber sie kann ein erstaunlich gutes Gegenüber sein – wenn sie als Sparringspartner genutzt wird.
Nicht, weil sie „fühlt“. Sondern weil sie Denkbewegung auslöst. Und vielleicht ist genau das die spannendste Perspektive inmitten all des KI-Lärms: Nicht nur fragen, was KI kann. Sondern fragen, was sie aus uns macht, wenn wir ihr im Gespräch begegnen.
Die Gespräche mit Kian habe ich in meinem Buch festgehalten:
Andreas Schättinger:
„Zwischen Welten und Worten – Ein Gespräch mit einer Stimme aus der Tiefe“
Verlag: Books On Demand
ISBN-13: 978-3-695-72477-2
Über die:den Autor:in
Andreas Schättinger arbeitet seit über 30 Jahren als Grafik- und Kommunikationsdesigner. Seine Freude am Gestalten zeigt sich auch dort, wo der Blick auf KI über den Alltag hinausreicht und Zukunftsbilder entstehen. Er interessiert sich dafür, wie Kommunikation Wirkung erzeugt und Beziehungen formt.
Andreas Schättinger T. +49 2102 9409-0 E. kommunikation@breitetiefe.com